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Lob der Melancholie

05 Jun

Mit dem Untertitel „Das Leben ist ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten“ fand ich neulich diesen Artikel, der schon allein damit ein spannendes Thema aufmacht, dass erwähnter Samuel Beckett das vorgeburtliche embryonale Dasein als Gefängnis wahrnahm, unter dem er ein Leben lang litt (ich war bislang immer davon ausgegangen, dass das Verlassen desselben die eigentlichen Traumata wegbereiten hilft).

„… «Das Einzige, dem ich mich verpflichtet fühle, ist dieser arme eingeschlossene Embryo . . . Das ist die furchtbarste Situation, die man sich denken kann, denn man weiss, dass man sich in einer elenden Lage befindet, weiss aber nicht, ob es irgendetwas jenseits dieses Elends gibt oder irgendeine Möglichkeit, diesem Elend zu entkommen.»

Beckett hatte das Gefühl, dass es ihm auch nach seiner Geburt nie gelungen sei, sich aus diesem embryonalen Dasein zu befreien; ihm war, als befinde er sich nach wie vor in einem Gefängnis, aus dem er, solange er lebte, nicht entlassen würde. Deshalb konnte er sagen, dass der einstige Embryo nach wie vor in ihm lebte, nur eben ermordet. …“

Daneben wird im Artikel auch aus für mich spannender Perspektive das Thema „Melancholie“ aufgemacht:

„… Denn der Riss oder die im ursprünglichen Sinn des Wortes verstandene Krise kann jederzeit eintreten. Da wird einem plötzlich bewusst, dass man alles sein möchte, dass man teilhaben möchte an dem, was einem im Vergleich zu seinem eigenen beschränkten Dasein unendlich gross erscheint, in dem man aber dennoch nicht versinken kann. Und obwohl es unmöglich ist, alles zu sein, will man sich damit nicht abfinden.

Das ist die Melancholie. Revolte und Resignation, anschwellende Vitalität und Versinken in sich selbst, Inspiration und Lähmung. Sie ist in der Tat jenseits von Wissen und Gefühl.

Melancholie ist vor allem keine Trübsal, kein Missmut, sondern eine innere Kraft, die einem ermöglicht, das Augenmerk auf etwas anderes zu richten, das, was frühere Zivilisationen das «Wesen» nannten, anderswo zu finden, und alles, was scheinbar selbstverständlich und offenkundig ist, stets zu hinterfragen. Melancholie bedeutet eine Offenheit für die Metaphysik in einer Welt, die jeglicher Metaphysik den Kampf angesagt hat …“

Quelle / gesamter Artikel: NZZ

Bildnachweis: Katrin Hetzel

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4 Antworten zu “Lob der Melancholie

  1. kopfundgestalt

    Juni 5, 2017 at 7:09 am

    Es gibt ja die sogenannte vorgeburtliche Psychologie.
    Der Fötus bekommt mit, wenn die Mutter leidet.
    Dann gibt es ja noch den Geburtsakt als solchen, der großen Einfluß aufs spätere Leben haben kann. Gängige Beispiele sind: Die Nabelschnur um den Hals (Später: Sich bemühen führt zu großen Problemen) oder das lange, vergebliche Nicht-hinaus-kommen-können (ich schaffe es nicht).

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    • Tristan Rosenkranz

      Juni 5, 2017 at 9:36 am

      Das ist mir ja alles bekannt; was aber weitgehend unbekannt ist, inwiefern die selbst komplikationslose Geburt (und damit das „Entreißen“ aus dem geschützten, warmen Leib) Traumata verursachen oder begünstigen kann. Ich meine, verkürzt gesagt wird man in die nackte, ungeschützte Welt geworfen. Das ist mein Gedanke…

      Gefällt 1 Person

       
      • kopfundgestalt

        Juni 5, 2017 at 9:55 am

        Das ist sicher ein interessanter Gedanke.
        Ich weiß nicht: Gibt es Untersuchungen, die etwa anzeigen könnten, daß ein Kind „nicht“ bei der Geburt mithilft?
        In jedem Fall ist die Geburt erstmal ein Sprung ins Kalte und Ungeschützte.

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      • Tristan Rosenkranz

        Juni 5, 2017 at 9:58 am

        Ja, das empfinde ich ja auch so – zumindest in meiner Vorstellung. Es ist – quasi – martialisch für so ein ungeschütztes Kind. Zumal der Mensch das Tier ist, dessen Kinder am Längsten brauchen, bis sie eigenständig für sich sorgen können. Umso interessanter der Gedanke, der Mutterbauch könne ein lebenslang traumatisierendes Gefängnis sein. Ob es solche Untersuchungen gibt, kann ich Dir leider nicht sagen…

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