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Neuzeitmedien und Hysterie

22 Nov

20130106-192409Es ist seit Jahren ein sehr interessantes Begleitthema, wie selbst gestandene Charaktere bei – beispielsweise – Facebook zu platten Selbstdarstellern mutieren. Unlängst lief mir in diesem Zusammenhang ein aufschlussreiches Dossier mit dem sperrigen Namen „Mediensozialisation in der digitalen Postmoderne – Der schizoid-hysterische Charakter und sein Medienverhalten als Phänomen unserer Zeit“ über den digitalen Weg, welches der in Jugend- und Marktforschung tätige Wiener Professor Bernhard Heinzlmaier verfasst hat und über die elektronische Sucht hinaus die Beziehungsflüchtigkeit unserer Zeit aufgreift:

„… Die größte Sorge des Menschen ist der Ich-Verlust, die Einschränkung seiner Selbstverwirklichungsbedürfnisse. Es beherrscht ihn die überwertige Angst vor der Abhängigkeit von anderen. Diese typische Facette der postmodernen Persönlichkeit bezeichnen wir als Schizoidie. Der zweite dominante Persönlichkeitszug des Menschen unserer Zeit ist die Angst vor Verbindlichkeit und Festlegung. Mehr als Dauer und Beständigkeit bedeuten ihm Veränderung und Wandel. Dieser unbändige Drang nach dem Flüchtigen und dem Neuen, der heute herrscht, nennen wir Hysterie.

Der Mainstream-Mensch der Postmoderne ist ein schizoid-hysterischer Charakter, d.h. er ist egozentrisch bis hin zum Narzissmus und er will die permanente Veränderung, den stetigen Wandel und – immer wiederkehrend – das Abenteuer. Welche Medien bevorzugt nun ein solcher Persönlichkeitstypus?

• Medien, die eine Bühne bieten für die Verwirklichung narzisstischer Selbstdarstellungsbedürfnisse, beispielsweise „Facebook“, „Instagram“ oder „Tinder“.

• Medien, die das Alte beiseite räumen, um Platz für neue Sensationen zu schaffen, die Dauerhaftigkeit und Beständigkeit zu vermeiden helfen, die das Entstehen von Erinnerung und Tradition behindern. Medien des Vergessens, des Verschwindens, der Beschleunigung wie „Snapchat“.

• Mediale Angebote, die den unstillbaren Hunger nach Sensationen, Extravaganzen, nach dem Spektakel, nach der ständigen Abwechslung und Veränderung zusammenhanglos befriedigen wie News Charts, 10.000 Flies, Filtr.de, heftig.de, BuzzFeed etc. Zygmunt Bauman spricht in diesem Zusammenhang von pointillistischen Zeiten: „Pointillistische Zeiten zeichnen sich eher durch Inkonsistenz und ihren Mangel an Kohäsion aus als durch Elemente der Kontinuität und Konsistenz.“

Die Medien haben am Entstehen dieses Charaktertypus mitgewirkt und verstärken seine Präsenz, indem sie seinen Begehrnissen (narzisstische Selbstinszenierung und permanente Abwechslung und Erneuerung) nachkommen. Denn ein Begehrnis wird dadurch verstärkt, dass man es zu befriedigen versucht. Je mehr einem Begehrnis entsprochen wird, desto stärker wird es. Es kann nicht gestillt werden wie Hunger oder Durst.

Die Begierde nach Aufmerksamkeit wird dadurch verstärkt, dass der Mensch Aufmerksamkeit bekommt. Wessen Bild oder Botschaft tausend „Likes“ hervorgerufen hat, will weitere tausend dazu. Der Hunger des Begehrnisses nach Befriedigung ist unstillbar. Und damit auch die Sucht nach Medien, die ihm Sättigung versprechen. …“

Zum kompletten Dossier geht es hier entlang.

Bildnachweis: Lukreszja (Deviantart)

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23 Antworten zu “Neuzeitmedien und Hysterie

  1. aquasdemarco

    November 22, 2016 at 5:10 am

    Früher wäre dein Post für einen Leserbrief zu lang gewesen 😉
    Wordpress als ein Neuzeitmedium macht ihn sogar weltweit lesbar.

    Gefällt 1 Person

     
  2. Christiane

    November 22, 2016 at 8:38 am

    Sehr interessant, sehr präzise. Danke fürs Teilen.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

     
  3. gkazakou

    November 22, 2016 at 12:52 pm

    Interessante Gedanken. Der Ausdruck „Pointillismus“ füllt sich in diesem Zusammenhang neu: Die Idee der Pointillisten war ja, jedwedes Bild mechanisch herstellen zu können,indem sie Pünktchen nach vorgegebener Gesetzmäßigkeit auf die Leinwand tupften. So Tupfen sind auch die meisten Nutzer, die sich in kaum mehr als in ihrer Farbe unterscheiden. (Bei WP ist das natürlich gaaaanz anders).
    Der Begriff „Wandel“ scheint mir hier aber eher unpassend : ist es denn Wandel, wenn man sein Bild auf fb erneuert oder eine neue Mode ausprobiert?

    Gefällt 1 Person

     
    • Tristan Rosenkranz

      November 22, 2016 at 7:37 pm

      Interessantes Gleichnis, danke dafür! Es ist wohl nur der Schein von Wandel (was Bewegung oder Entwicklung vermittelt, wo im Grunde nur Stagnation ist), wahrer Wandel ist etwas anderes…

      Gefällt 1 Person

       
  4. Anhora

    November 22, 2016 at 5:56 pm

    Das ist ein wirklich interessanter Artikel! 🙂

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  5. roerainrunner

    November 22, 2016 at 7:39 pm

    Ich find moderne Medien toll. Dank der Profile kann man innerhalb von 20sec erkennen, ob jemand ein Arsch ist oder nicht XD

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    • Tristan Rosenkranz

      November 22, 2016 at 7:39 pm

      Oberfläche, aaaalles nur Oberfläche! 🙂

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      • roerainrunner

        November 22, 2016 at 7:41 pm

        Wenn jemand bei Facebook Freiwild liked, kommentiert „Dräkige Flüchterlinge“ und noch ’ne Deutschlandfahne als Profilbild hat, sagt das eigentlich schon alles. Früher hätt man sowas erst nach 30min Date rausbekommen 😉

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      • Tristan Rosenkranz

        November 22, 2016 at 8:08 pm

        Jaaa, solche Unterirdischkeiten stehen außer jeder Debatte, aber von da zu gut sortiert gibt’s ja eine ziemliche Spannbreite…

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  6. Mirjam M.

    November 22, 2016 at 8:48 pm

    Es ist wie eine Verführung zur Maßlosigkeit, und zuviel ist ermüdend. Ein Eindruck entsteht, so merkwürdig ähnlich dem, den der Aufenthalt im Panoptikum hervorruft.

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    • Tristan Rosenkranz

      November 23, 2016 at 4:53 am

      …eine leider allzu erfolgreiche Verführung, die die (viele) wesentlichen Dinge vergessen lässt…

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      • Mirjam M.

        November 23, 2016 at 7:05 pm

        Genau, das ist bedenklich!
        Und auf dem Sterbebett wird wohl nie einer sagen: Ach, hätte ich doch mehr Zeit mit den Neuzeitmedien, oder meiner Hysterie verbracht. 💁

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      • Tristan Rosenkranz

        November 23, 2016 at 7:11 pm

        …das ist eher unwahrscheinlich, stimmt… 🙂

        Gefällt mir

         

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