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Sapiosexualität

23 Jun

Strassenschild 36 - Kopfkino

„Sapiosexualität“ ist dem Vernehmen nach einer dieser Mikrotrends (oder virtuellen Statussymbole?) in jenen sozialen Netzwerken, die der Verkupplung dienlich sind. Als Fremdwortrecherchierer mit schwerer Neigung zu Assoziationsketten und Wortspielen mit verwandten Geistern gewann es – zumindest inhaltlich – meine Sympathie. Für mich gibt es nichts Schöneres und Intensiveres, als von Menschen mit gleicher intellektueller Wellenlänge (nicht zu Verwechseln mit dem für mich nachrangigen IQ) angefixt und gefesselt zu werden. Kopfkino hat eben nicht nur mit wortgesteuerten Fantasien zu tun, sondern auch dem sinnlichen Tanz zweier Köpfe.

Diesem Phänomen nachzugehen, heißt einmal mehr, zunächst mediale Klischees á la „Fluch“ oder „Anti-Trend“ als Erklärungsversuch beiseitezuwischen… also bemühe ich das „Lexikon Online | Online-Enzyklopädie für Psychologie und Pädagogik„:

„Der eher fragwürdige Neologismus Sapiosexualität bzw. sapiosexuell beschreibt jene sexuelle Orientierung, die mehr bzw. vorwiegend auf den Verstand eines anderen Menschen denn auf dessen Körper ausgerichtet ist, wobei die sexuelle Stimulation vor allem durch eine hohe Intelligenz erfolgt. Eine sapiosexueller Mensch fühlt sich demnach von der Intelligenz mehr angezogen als von der äußeren Erscheinung. Der Begriff hat die lateinische Wurzel sapiens, was schlicht die Fähigkeit zur Wahrnehmung bezeichnet. Sapiosexualität bezeichnet also das Verhalten eines Menschen, der sich eher von der Intelligenz eines anderen angezogen fühlt als von seinem Körper.

Sapiosexualität findet man naturgemäß am häufigsten im Internet, wo man Beziehungen allein auf Grund geistiger Interaktion knüpft und der Körper vorerst außen vor bleibt. In manchen Fällen wird das alte Wissen vom Gehirn als mächtigstes Aphrodisiakum des Menschen bemüht, war es traditionell doch eher so, dass das Gehirn Pause macht, sobald die Dinge zwischen zwei Menschen hormonell werden. Das Phänomen der Sapiosexualität erfordert nicht die physische Anwesenheit, was in der Zeit des Internets und der schnellen Kommunikation nahezu alle anderen Faktoren wie äußere Erscheinung, Aussehen oder Stimme vollkommen ausblendet, sodass der Fokus einzig und allein auf der Intelligenz und dem Intellekt des Gesprächspartners liegt.

In Zeiten von Dating-Portalen wie Parship oder Zoosk und Dating-Apps wie Tinder oder Badoo findet man immer häufiger die anscheinend zeitgeistige Selbstbeschreibung als sapiosexuell, wodurch zum Ausdruck gebracht werden soll, dass sich bei den Betreffenden die erotische Lust mit steigender Intelligenz des Partners erhöht. …“

Bildnachweis: Tritime-Magazin

 

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24 Antworten zu “Sapiosexualität

  1. karfunkelfee

    Juni 23, 2016 at 6:52 am

    …allerdings kann es ein böses Erwachen geben, wenn sich zwei sich umschlingende Geister bei aller Sympathie begegnen im real life und feststellen müssen, dass der Körper dummerweise auch noch Bedürfnisse anmeldet. Intelligenz kann so sexy machen, doch die letzte Entscheidung trifft der Körper vor Ort und seine Bedürfnisse völlig außen vor zu lassen zugunsten der inneren Werte, kann buchstäblich ‚in die Hose‘ gehen…😉

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    • Tristan Rosenkranz

      Juni 23, 2016 at 6:54 am

      Da stimme ich Dir absolut zu! Das böse Erwachen kann allerdings auch kommen, wenn sich real zunächst zwei Geister umschlingen und dann an anderen übermächtigen Faktoren scheitern.

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      • karfunkelfee

        Juni 23, 2016 at 7:01 am

        …und wie!!! Das ist von allen die böseste Variante, finde ich..
        . ‚Es waren zwei Königskinder‘ ist ein Volkslied von geradezu epischer Bedeutung und Aussage. Ab vierzig aufwärts sollte jeder Single dieses weise Lied beherrschen. Mimimi….😚🎧

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      • Tristan Rosenkranz

        Juni 23, 2016 at 7:02 am

        Werde ich doch dann direkt mal googeln… 😀 irgendwas klingelt da in mir….

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      • karfunkelfee

        Juni 23, 2016 at 7:06 am

        …viel Vergnügen…ich entdecke dieses magische Meisterwerk vertonter Philosophie immer wieder neu. Allerdings ist es eher sozialdramatischer Natur…und es gibt natürlich auch kein Happy End.
        Doch das wäre ja auch langweilig…😁

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      • Tristan Rosenkranz

        Juni 23, 2016 at 7:20 am

        Mir scheint, Happy Ends entziehen den Dingen die Würze 😉

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      • karfunkelfee

        Juni 23, 2016 at 6:33 pm

        Hm…tun sie das denn…? Entwürzend…ein Happy End? Mir scheint eher, wir schauen vor den Filmschluss, alle sind glücklich und was danach kommt (Zoff, Ehekrise, Scheidung…) bekommen wir Zuschauer nicht mit, wir erlagen dem Reiz des Momentanen…und mein Meffi 👹 intoniert munter den Faust:
        ‚Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: verweile doch, Du bist so schön.Dann magst Du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde geh’n.'(Goethe, Faust)

        Das Leben besteht nicht nur aus einem happy end sondern aus vielen und es besteht nicht nur aus einem Sozialdrama sondern aus vielen. Und das ist gut, dass es sich so verhält und nicht anders…denn wäre es anders, würden wohl viele zugrunde gehen. Ich breche den Happy Ends im Leben jede Lanze und finde Lebensglück chilischarf 😉

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      • Tristan Rosenkranz

        Juni 23, 2016 at 8:35 pm

        Was soll ich dieser funkelnd scharfen Aussage noch hinzu tun? Ein Hoch auf Leben in Bewegung, Reibung und emotionaler Facettenvielfalt statt Stagnation? Ein Hoch darauf 🙂

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  2. Reiner

    Juni 23, 2016 at 6:59 am

    Kopfkino, genau.

    Die Frage ist doch, was ich möchte. Will ich ein Abenteuer, reicht die Bedienung der Sinne allemal. Wobei Frauen mit einem Hirn wie der Seestern dem Vorgang auch nicht förderlich sind 😉

    Soll es etwas mehr sein, dürfen auch ein paar andere Übereinstimmungen vorhanden sein. Wobei der reine Intellekt dabei total überschätzt wird.

    Gruß aus dem Tal der Wupper!

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    • Tristan Rosenkranz

      Juni 23, 2016 at 7:01 am

      Intellekt kann ohne Zweifel kicken, allerdings wird das Fehlen diverser anderer Ebenen immer den Mangel betonen bzw auf Dauer verstärken. Dir auch liebe Grüße! 🙂

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  3. versspielerin

    Juni 23, 2016 at 11:06 am

    ich glaube ja eher, das „gesamtpaket“ muss stimmen. ein mensch besteht schließlich aus allem zusammen und alles zusammen macht ihn aus. insofern ist auch der intellekt vom körper meines erachtens, zumindest, was die sexuelle anziehungskraft angeht, nicht zu trennen.
    liebe sommergrüße!

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    • Tristan Rosenkranz

      Juni 23, 2016 at 8:29 pm

      Dauerhaft mit Sicherheit nicht, will man sich nicht in blanken Illusionen verlieren. Ein Gesamtpaket ist meist für sich auch pure Herausforderung, wenn man die vielen Ebenen und Typen bedenkt, die man sich – idealerweise – in einem Menschen vereint wünscht…

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  4. Anhora

    Juni 23, 2016 at 7:28 pm

    Bei dir lernt man was! 🙂
    Ich bin also sapiosexuell, nun weiß ich das also. Klar muss es unterhalb des Bauchnabels auch stimmen, aber ohne eine gute Ausstattung im Innenkopf käme es bei mir nie dazu, das zu testen. (Höchstens früher mal … einigermaßen alkoholisert … pscht… ) 😉

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  5. versspielerin

    Juni 23, 2016 at 9:18 pm

    nein, ich meine auch kein „ideal“… das gibt es ohnehin wohl nicht. sondern vielmehr das, was ein mensch ausstrahlt. (und das ist dann die paarung von intellekt und ganz vielem anderen.) darauf kommt es m.e. stark an… ist schwer in worte zu fassen 🙂 und vielleicht ist es genau das: das nicht in worte zu fassende, was letztlich ausschlaggebend ist!

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    • Tristan Rosenkranz

      Juni 24, 2016 at 4:05 am

      Das sehe ich genauso. Wenn Worte nicht mehr fassen können, was uns berührt, kann es ganz schön schön sein… 🙂

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    • roerainrunner

      Juni 26, 2016 at 8:08 am

      Ich sehe das auch so.
      Es muss Charakter passen. Passt der nicht, ist alles weitere hinfällig.
      Es muss das Aussehen passen. Wobei das kein „Mainstream“-Urteil ist. Sondern das Aussehen muss für mich passen.
      Und es muss sexuelle Ausstrahlung vorliegen. Sonst hat man die typische „Friendzone“: Is nett, schaut gut aus, aber „da ist einfach nichts“.

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      • Tristan Rosenkranz

        Juni 26, 2016 at 8:13 am

        Das mit der Ausstrahlung ist auch ein ganz wesentlicher Aspekt… die schönsten Menschen können null Ausstrahlung haben, während die versteckten Schönheiten davon geradezu glühen können…

        Gefällt 2 Personen

         

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