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Obsession

16 Mai

josephine_meckseper_pyromaniac

Irgendeiner dieser stillen, sich allmählich entladenden, schlussendlich tief in die Nervenbahnen fahrenden Filme. Du bist in ihrer jugendlichen Rolle. In jeder ihrer Regung, ihrem mimischen Spiel, ihrer amselzarten, zugleich löwenstarken Gestik. Ich kann es kaum ertragen, wie dieser Film dieses Uns ausatmet, dieses Nichtfinden, diesen Schmerz der Unerfüllbarkeit, dieses endlose Missen. Wie er mich mitreißt, wie du ihn okkupiert hältst und aus allen Szenen zu mir schweigst…

Nur mit Not finde ich zum in den Abend gerinnenden Tag zurück, in eine Kopie von Alltag, durchstreife meine Straßen, stelle mir vor, wie du mich im Vorbeifahren siehst und einer kurzen Begegnung nachsehnst. Ich zünde ein Bier, vorne auf dem Steg überm Fluss. Bleibe stehen, einer Windböe gleich von Ahnungen erfasst, von Urbildern, kosmischer Symbolik, diesen grenzenlosen Sprachbildern, die uns in all unseren ersten Wochen verbanden. Einer Sprache und einer tief verwurzelten Wahrhaftigkeit, die nicht ein Mensch verstanden hätte, noch verstehen würde. Um wenig später in eine bis heute unbegreifliche Begierde auszufasern. In ein Spiel, das wir wohl beide nicht verstehen, einen Rausch weit unter Null, tief drunten in unseren Tiefen.

Ich lasse das Handy zuhause, wie so oft in diesen Tagen, dieser Zeit, diesen kraftvollen Gezeiten. Ich ertrage den Gedanken nicht, auch in der siebten Woche nichts von dir zu hören, der ich jedes Zeichen an dich meide, ertrage den Gedanken nicht, du könntest mir schreiben, mich abermals aus meinem zutiefst unvollständigen Leben in die Lava zurückreißen und mit nur wenigen leisen Worten Bilder malen, die mich entzünden, meinen Vulkanismus über alle Ufer treten lassen…

So ist es dann auch, kaum dass ich Stunden später wieder zuhause bin, deine Nachricht lese. Hinskizzierte Worte, ein spätabendliches, zaghaftes Lächeln, ein Schmerzvermissen, ein Wiedergehen… Dinge, die sich durch meinen Rotweinrausch in den unruhigen Schlaf verlieren, morgens völlig unterschlafen in emotionale Ambivalenzen verspulen, einen Tanz kreieren, der mich im Kick wähnen lässt, im kurzen, wenige Stunden dahingleitenden High…

Wie ich dieses Spiel liebe! Wie ich es hasse! Wie ich es verstehen will und doch so machtlos bin…

Du bist der Stoff in meinen Adern, der grenzdebile Rausch in mir, dieses Aus-dem-Alltag-hinaus – Halluzinieren… Und nicht selten fragt es mich, wer wen tiefer ins High stößt… Du mit diesem Feuer der Begierde, des Lockens und Duellierens, ich mit diesen Zeilen, die du – fragt es mich einmal mehr – immer wieder provozierst, um irgendwie auch nur annähernd überleben zu können und nicht abzusaufen da draußen am anderen Ufer unseres Lebens?

Was kann ich tun, als Rausch mit Rausch zu bekämpfen, dieses Scheißhandy wieder auszuschalten, die Musik aufzureißen und zu hoffen, dass wir uns so bald und so nie wie möglich wiedersehen, weit draußen in Utopia…

Bildnachweis: Josephine Meckseper / Saatchi Gallery
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Unveröffentlicht. Sie möchten meine Worte in Druckform kaufen? Dann folgen Sie mir bitte hier entlang. Vielen Dank!

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11 Kommentare

Verfasst von - Mai 16, 2016 in Prosa + Lyrik

 

Schlagwörter:

11 Antworten zu “Obsession

  1. Alice Wunder

    Mai 16, 2016 at 5:11 pm

    Starkes Bild zum intensiven Text ausgesucht

    Gefällt 1 Person

     
  2. karfunkelfee

    Mai 16, 2016 at 8:47 pm

    Stark, intensiv und eindringlich: Sowohl das Hammer-Bild als auch der Hammer-Text. Chapeau! Dank dafür…✨

    Gefällt 1 Person

     
  3. melodiaphilunst

    Mai 17, 2016 at 11:30 am

    Chapeau☆☆☆

    Gefällt 1 Person

     
  4. kaetheknobloch

    Mai 22, 2016 at 12:49 pm

    „… und dann reiße ich die Musik auf und wieder bist du es, der aus jeder Note klagt, aus jedem Basston lockt und mit den Drums unter meine Haut dich hämmerst. Wie machst du das, verdammt nochmal?! Wie kannst du in Filmen, Büchern und Musik stecken? Ich verfluche dich, indem ich die Musik noch lauter drehe, will dich aus meinen Ohren martern, doch spüre nur, wie du als warmes Sein mit dem Timbre des Sängers lockst.

    Alle Schubladen müssen sich aufreißen lassen, ihr wieder und wieder hastig zerwühltes präsentieren. Wo werde ich das Knüllbündel finden, das einmal eine Handvoll Bilder war? Bilder von einer Zeit, die jetzt der Sänger mit deiner Stimme besingt. Wir konnten sogar mal lachen, unvorstellbar in meinem jetzigen Wahn. Es müssen Grimassen gewesen sein, die irgendjemand von uns auf Fotopapier bannte.

    Der ohnehin schmutzige Fußboden bedeckt sich mit Schubladenkrams, poltern fallen die gesammelten Ostseesteine zwischen Papierfetzen gleich fetten Hagelkörnern in den zarten Blütenteppich des Apfelbaumes unter dem wir uns küßten. Verdammt, ich muß jetzt ein Bild von dir haben. Ein Bild, daß ich statt deiner halten und beweinen kann…“

    Puh, das floss jetzt aber heftigst tastaturklappernd aus den Fingerkuppen, lieber Tristan. Welch eine Inspiration, dieser Text! Ganz, ganz groß.

    Danke dafür und Pardöngsche für die Eigenauskübelung, ich konnte mich nicht beherrschen…
    Grüße von Untermahorn, dessen Zweige hier wohl mitlesen wollen, so sehr lassen sie sich vom Winde neigen.

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    • Tristan Rosenkranz

      Mai 22, 2016 at 8:36 pm

      Ich liebe Deinen W/Fortfluß, weil vielleicht genau das der Sinn ist: der Tanz anderer mit meinen Worten. Und würde ich die Protagonistin des Textes kennen: ich würde Dir sagen, sprich mit ihr…

      Gefällt mir

       
      • kaetheknobloch

        Mai 23, 2016 at 1:09 pm

        Ich liebe es sehr, wenn solch ein Silbenfunken überspringt und Gedankenfeuer auflodern, lieber Tristan. Und hier gelingt das häufig. Ich freue mich immer urst über eigene Texte, weil dann was innendrinnig aufflammt…

        Herzliche Grüße aus dem nun wieder entsturmten Lipperlandien.

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      • Tristan Rosenkranz

        Mai 23, 2016 at 1:26 pm

        Sozusagen von Flamme zu Flamme, vom Feuer beim Entstehen zur überspringende Flamme. Ein schönes Gefühl oder vielmehr ein berührender Energiefluss… Viele liebe Grüße aus dem grauverhangenen und nicht weniger frühlingsschönen Gera…

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