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Masken | Kolumne „Zwei Saiten“

28 Mrz

Relatives Menschsein

authentizitaet

In den letzten Wochen und Monaten dominierte neben wechselnden Lernthemen ein Thema mein großes Interesse: Authentizität. Schon 2013 zu 2014 sprach mein damaliger Coach vehement davon.
Ganz sicher entnahm er meiner damaligen Glut einen Scheit, um ein eigenes, dieses, Feuer zu entfachen. Ich bin diesem wunderbaren Mann sehr dankbar, wenngleich mein Weg zuvor noch etliche andere Themen vorsah. Bücher, die plötzlich aus den verschiedensten Richtungen in mein Leben kamen, faszinierende Krafttiere, die fällige Entscheidungen und Entwicklungen spiegelten, Gleichnisse, die mein Innenleben in Bilder fassten, leider in der jüngsten Zeit und ganz egal, wo ich mich befand – Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen – aber auch die Wahrnehmung unzähliger gefällter oder aufs Grausamste verstümmelter Bäume. Zeichen der erkrankten Menschheit? Ich weiß es nicht…

Manche Themen wurzelten in 2014, trieben aber erst deutlich später erste Blüten aus. Authentizität und meine wachsende Begeisterung und Fähigkeit, von mir und von meinem Gegenüber zu lernen und hinter die Fassade zu schauen, traten 2015 zunehmend auf meinen Lernplan. Vielleicht begann dieses Thema erst an dem Punkt zu meinem Thema zu werden, als gewisse – rückblickende und gegenwärtige – Grenzziehungen nötig wurden.

Authentizität ist für mich das reichste Thema überhaupt. Weil sie an unseren Grenzen beginnt. Weil mit ihr die erschöpfende Erfüllung von Selbstliebe und Liebe stehen und – im Falle des Mangels oder gar Fehlens – fallen. Weil sie den eigentlichen Reichtum symbolisiert. Weil sie Steilvorlage für Feinfühligkeit und Empathie ist, sich selbst und sein Gegenüber zu sehen (und ich meine: zu sehen). Weil sie unsere allzu engen Grenzen sprengt und zeigt, wie wir empfinden, und uns darüber hinaus vehement vor die Frage stellt, wieviel Ich in dieses Außenleben passt. Und weil sie durch die Weisheiten aller großen Köpfe hindurch schimmert.

Meiner Erfahrung nach beginnt das Sehen bereits auf dem Weg zur Authentizität. Selbstverständlich macht sie selbst als eigentlicher Wesenskern nur einen Teil des eigenen Wesens aus, gliedert sich ein in ein Geflecht aus zahlreichen (achtsam zu beherrschenden) Persönlichkeitsanteilen, misst sich in immer neuen Auseinandersetzungen mit dem inneren Kind, das so gerne seinen Fuß auf das Gaspedal stellt. Oftmals ja, wenn es so gar nicht passen will.

Für mich ist es ein unschätzbares Geschenk, zu sehen. Leicht ist es deshalb bei weitem nicht immer. Natürlich kann ich nur aus mir und damit aus dem berühmten Wald heraus sprechen, doch wenn ich mich so umschaue, sind Klarheit, Geradlinigkeit und Ehrlichkeit Mangelware. Wertfrei gesprochen. Kaum einem Menschen scheint bewusst zu sein, dass er sich versteckt oder zu verstecken versucht. Kaum ein Mensch hat nicht mindestens einen Grund dafür in seinem Leben erfahren. Traumatische Erfahrungen werden im Erbgut bis zu sieben Generationen weitergegeben. Das bedeutet, wir alle tragen Kriege, Mord, Vertreibung, Vergewaltigung oder Unterdrückung und damit das schwerwiegendste Thema überhaupt – Scham – in uns. Kaum ohne innere Verstecke auszuhalten, wenn selbst das eigene Leben einige tief prägende Schmerzspuren parat hielt. Und natürlich erzeugt es Gegenwehr, wenn man sich darin versteigt, über das Gesehene zu sprechen. Oder wird in seiner Wahrnehmung schlicht unterschätzt. Wirklich mutig ist, wer sich zeigt, davon bin ich überzeugt.

Ich halte Hoffnung für eine extrem hohe Motivation. Dennoch dieses Leben in seiner unendlichen Schönheit (weiter) zu leben statt zu resignieren oder aufzugeben. Oder eben, sich zu verstecken in der Hoffnung, nicht erkannt, nicht gesehen zu werden, wie man tatsächlich ist, wieviel Angst man in sich trägt. Wie verletzlich man tatsächlich ist. Wie sehr man sich tatsächlich nach Respekt, Zuwendung oder Wärme sehnt. Manchmal denke ich, dass ausnahmslos die gesamte Gesellschaft an Altlasten trägt und voller zum Teil uralter Ängste ist. Wie drückt es Susanne Hühn in „Angst loslassen“ aus? „Wir tragen die Lasten unserer Eltern und Ahnen, damit wir sie erlösen können“.

Beeindruckend äußert sich besagte Hoffnung in Begegnungen oder Gesprächen, in denen ein Mensch einerseits spürbar unauthentisch ist (vielleicht nicht offen, vielleicht überangepasst, affektiert, großspurig oder zutiefst unsicher) und andererseits davon spricht, authentisch zu sein. Ich glaube an solchen Punkten nicht, dass so etwas bewusst geschieht. Ich glaube, dass in diesen Momenten Verdrängung und Hoffnung über die Blumenwiese tanzen. Und sich beim lauten Singen die Ohren zuhalten. Um nicht zu hören, was da draußen, jenseits der eigenen Grenzen erzählt wird. Und vielleicht ist genau das die Erkenntnis im Lernprozess der Authentizität: die eigenen Erkenntnisse für sich behalten.

Was bleibt, ist die Frage, wieviel Energie uns unsere Schutzmauern kosten, die bei anderen, wahrhaftigeren Prozessen fehlt…

Zur anderen Saite / Kolumne AnaSzui bitte hier entlang.

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2 Kommentare

Verfasst von - März 28, 2016 in Kolumne, Prosa + Lyrik

 

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2 Antworten zu “Masken | Kolumne „Zwei Saiten“

  1. wholelottarosie

    November 22, 2016 at 8:31 am

    Selbstdarstellung, quasi als Spiegelkabinett, scheint heute wichtiger denn je zu sein.
    Wobei oft genug das „Selbst“ mehr dem Mainstream angepasst ist und sich chameläonartig durch äußere Einflüsse bestimmen lässt, als tatsächlich ein authentisches Selbst zu sein..
    Mittlerweile stelle ich mir des öfteren die Frage, ob die scheinbare Authentizität ( z. B. in Werbespots) nun echt oder gespielt ist……
    LG von Rosie

    Gefällt mir

     
    • Tristan Rosenkranz

      November 22, 2016 at 9:03 am

      …wahrscheinlich beinhaltet Deine Frage schon die Antwort… wahrscheinlich endet Authentizität an den Medien, weil man automatisch einen Teil von sich gibt und sich verstellt…

      Gefällt 1 Person

       

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