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Über die Feigheit

13 Feb

„Ohne Courage keine Tugend; Mut ist die Voraussetzung aller Tugend. Nur wer sich aus dem behaglichen Zustand seines Sentiments herauswagt, kann sich überhaupt als gerecht, besonnen oder wohlwollend beweisen. Regiert dagegen die Feigheit, kann man auf moralische Fortschritte lange warten.

Feigheit ist kein Laster, sondern eine Untugend, ein Mangel an moralischer Willensstärke. Laster entspringen der animalischen Natur des Menschen, Untugenden haben ihren Grund in fehlender Selbstbeherrschung. Der Feigling meidet jedes Hindernis. Wo es darauf ankommt, sucht er das Weite. Er weicht aus, duckt sich ab, sucht zu verschwinden. Entbrennt ein Streit, gibt er Fersengeld. Wittert er Widerspruch, flüchtet er in Lügen und Beschönigung.

[…]

Feigheit ist ein Zustand tiefster Unfreiheit. Sie liefert den Menschen der Angst aus. Wer die Courage diffamiert, rechtfertigt das Zwangsgehäuse der Angst. Wie bescheiden die moralischen Ansprüche gegenwärtig sind, lässt sich schon daraus ersehen, dass Feigheit häufig zum Beweis von Klugheit umgedeutet wird. Auf dem aktuellen Markt der Moral muss ein Hasenherz kaum Verachtung fürchten. Ritterlichkeit gar, diese Tugend der Ehre, kennt man nicht einmal mehr vom Hörensagen. Man hält sie für ein Relikt des Ancien Regime. Aber alles Gerede von Solidarität oder Gerechtigkeit ist nichts wert, wenn niemand bereit ist, für den Schwachen etwas zu riskieren. Immer sollen es die anderen richten: die Gesellschaft, der Staat, die Schule. Und immer sind andere schuld am erbärmlichen Zustand des Gemeinwesens: die Regierung, die Rebellen von einst, die Reichen von heute.

Im System der Natur ist der Mensch ein Wesen von geringer Bedeutung. Mit vielen Tieren teilt er die Kriecherei auf Bodenhöhe. Das Hinknien oder Hinwerfen zur Erde, und sei es aus Demut vor himmlischen Gegenständen, ist der Menschenwürde zuwider. Aufrechten Gang erlangt das Lebewesen erst als Person, die sich selbst Pflichten auferlegt. Indem der Mensch Abstand zu sich, zu seinen Affekten und Leidenschaften gewinnt, erlangt er innere Freiheit. Indem er seinen Fluchtimpuls überwindet, zeigt er Würde. Einbilden braucht er sich darauf nichts. Zu Tugendstolz besteht kein Anlass. Selbstgerechtigkeit kaschiert meist nur Duckmäusertum.

Feigheit und Faulheit sind die Ursachen aller Unmündigkeit. …“

Quelle / gesamter Text: Deutschlandradio Kultur

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