RSS

„Überempfindlichkeit, Hochsensibilität und Empathie“

15 Mrz

Man covering his ears

Gewissen sozialen Netzwerken sei Dank stoße ich immer wieder auf Menschen, die tatsächlich etwas zu sagen haben. Nicht selten finden sich in deren Geisteswelten Perlen, die substanzlose „Weichei“-Worthülsen aufs Angenehmste vermissen lassen. Eine dieser Perlen oder vielmehr Reflektionen behandelt das Thema Hochsensibiliät und wurde von der Verfasserin Lauretta V Hickman, Mission-Coach / Trainerin, „leidenschaftliche Agentin des Wandels“ sowie Autorin von „Das Handbuch der Kriegerin des Lichts“, für mein Blog zur Verfügung gestellt:

„Der Versuch einer Differenzierung

Aufgrund eines Austausches über das Thema Hochsensibilität mit einer Facebookfreundin habe ich mich entschlossen, hier eine kleine Darlegung über den Zusammenhang zwischen Überempfindlichkeit, Hochsensibilität und Empathie zu schreiben, so wie ich ihn sehe.

Überempfindlichkeit ist in meinem Verständnis ein Resultat unverarbeiteter Kindheitswunden und -traumata, insbesondere um die Themen Ablehnung, Zurückweisung, Unerwünschtheit, verlassen zu sein, zu wenig zu haben, jemand anderer wird vorgezogen etc..

Der Schmerz ist unter die bewußte und erwachsene Oberfläche gewandert und schwelt.

Überempfindlichkeit ist zu erkennen an der Neigung, alles auf sich zu beziehen, alles sehr persönlich zu nehmen, so wie ein Kind, aber in einem Erwachsenenkörper, mit hoher Bereitschaft, sich selbst durch unterschiedliche Situationen den alten Schmerz zuzufügen, auch wenn der subjektive Eindruck entsteht, es seien die anderen. Unwillkürlich hochfahrende Emotion, das eigene Empfinden überflutend, ohne dass heilsam-objektivierende Reflexion dazwischen Platz finden kann. Der betroffene Mensch weiß, daß seine Reaktion unverhältnismäßig ist, fühlt sich ihr oft ausgeliefert, unterdrückt sie, wenn möglich, weil ein potentieller Ausbruch eben erneut alle Zurückweisungsdramen befeuert und platzt dann plötzlich zu einem Zeitpunkt, der für niemanden verständlich und völlig überdimensional ist. Mit – häufig – genau dem befürchteten Ergebnis.

Es ist ein bißchen wie Leben ohne Haut, Nerven ohne Myelinschicht. Und Aufruf zu Heilung, bzw. Selbstheilung, unbedingt, denn die alten Herzensbrüche lassen Dinge verzerrt sehen, reaktivieren ungeheilt die alten Schmerzen quasi auf Autopilot und infizieren zudem die Umgebung damit.

Das hat möglicherweise jede|r von uns zu einem gewissen Ausmaß (gehabt).

(Ich kenne ehrlich gesagt niemanden, der nicht irgendwie traumatisiert aus seiner Kindheit getaumelt wäre. Das ist wohl eine conditio humana.)

Hochsensibilität ist eine Grundausstattung. Diese haben, so sagen Studien, etwa 15-20% der Menschen. Das bedeutet zum Beispiel, das Nervensystem ist anders, hat eine andere „Leitgeschwindigkeit“ und transportiert wesentlich mehr Reize ungefiltert ins Gehirn, das ebenfalls etwas anders „feuert“.

Das bedeutet, der Prozessor ist schnell überladen, egal ob das nun akustische, haptische, olfaktorische oder emotionale Reize sind.

Es gibt inzwischen Universitäten, die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen. Natürlich ist das experimentell-wissenschaftlich und letztlich lässt sich alles wissenschaftlich belegen, je nach Intention. Aber spannend finde ich allemal, dass es nun ein paar Leitlinien zur Definition gibt.

Der Umgang damit kann sehr verschieden sein. Manche Menschen dissoziieren komplett von ihrer gesamten Fühlfähigkeit, andere entwickeln Psychosomatiken oder ziehen sich häufig | immer zurück, obwohl sie eigentlich für menschliches Miteinander sehr begabt wären.

Empathie bedeutet für mich, den Standpunkt, die Situation, das Erleben, die Sichtweise eines anderen Menschen vollständig einnehmen zu können und alles oder so viel wie möglich durch dessen Augen zu sehen.

Die grundlegend antreibende Frage eines Empathen ist immer: „Meine Güte, wie muß es ihr, ihm, dir gegangen sein in dieser Situation?“

Empathie kann viel Mitgefühl beinhalten, muß aber nicht. Es kann auch eine schlichte Wahrnehmung, ein Klarwissen, ein fast kühles „in des anderen Schuhen stehen können“ sein.

Persönlich denke ich, es ist ebenfalls eine Grundausstattung, kann aber erlernt oder wieder erlernt werden. Die obige Frage ist als Haltung sicherlich hilfreich, Grundbedingung ist das Begehren, ohne eigene Sekundäragenda so vollständig wie möglich ein anderes Wesen zu erfassen wie sich selbst. Aufrichtiges Interesse ist definitiv vonnöten.

(Für mich war und ist es tatsächlich ein Begehren: Zu wissen, auf wieviele mögliche Arten dieses Leben gesehen, erlebt, wie unterschiedlich gedacht, gefühlt, wahrgenommen und geschlossen werden kann.)

Zu den Schnittpunkten: Ich würde sagen, zunächst kommt alles ziemlich vermischt daher. Bei mir war es jedenfalls so. Da ist Heilung und Sortierarbeit angesagt, bis klar ist, was genau wohin gehört.

Hochsensible müssen nicht zwangsläufig Empathen sein, denn sie erleben ja die Welt „lauter“ und sind daher häufig eher und auch lieber in ihrer eigenen Welt. Sie sind es aber oft, mindestens gezwungenermaßen. Denn beispielsweise eine eigene Durchsetzung, Abgrenzung, das Verfolgen eines eigenen Bedürfnisses kann bei Menschen in der Umgebung Unmut auslösen. Wut, Ärger, Enttäuschung, Aggression und Schmerz ist ja normal.

Für einen „normalfühligen“ Menschen ist das bereits unangenehm, dem Wutanfall eines Gegenübers ausgesetzt zu sein, für eine|n Hochsensiblen ist das bisweilen wie ein Stahlnagelhagelschauer, der auf ihn|sie niederprasselt, einfach weil er mehr und intensiver empfindet. Daher wird er oder sie aus Erfahrung versuchen, Wege zu wählen, bei denen alle gewinnen (können). Und in die eigene Kalkulation, ob sich nun mehr Abgrenzung oder Rückzug lohnt, wird sicherlich mehr einfliessen, mit welcher emotionalen Konsequenz er oder sie besser leben kann.

Aus ehemals überempfindlichen und davon genesenen Menschen können ebenfalls große Empathen werden. Weil sie auf ihrem eigenen Heilungs-, Relativierungs-, Ausnüchterungsweg sicherlich tiefes Verständnis von tiefem Schmerz gewonnen haben.

Ich vermute, Empathen, egal welcher emotionalen Herkunft, werden von dem unbewußten Wissen in sich angeschoben, dass so am besten eine WIR-Identifikation entstehen kann- wenn alle Positionen im Raum wahrgenommen sind.

Kommen wir zu Schönheit und Schatten:

Sobald jemand weiß, er oder sie ist hochsensibel, kann das, so war es jedenfalls bei mir, erlösend objektivierend sein, denn damit wird aus „Ich bin scheinbar falsch“ ein „Ich bin nur anders“.

Dazu zu stehen, war für mich eine kleine Strecke aus: „Dann bin ich ja immer der Verlierer | hab dich nicht so | nun tu doch nicht so“ und ja, auch: „Du glaubst wohl, du bist was Besonderes, ja?“. Zunächst externe, dann gehorsam interne Stimmen.

Wenn das mal integriert wird, können sich daraus aber fantastische Dinge ergeben. Zum Beispiel könnte ein HS-Empath Räume schaffen, in denen Menschen ganz sie selbst sein und alles sagen dürfen, da es für ihn oder sie schlicht wesentlich entspannender ist, wenn sich alle dessen bewusst werden, was er oder sie sowieso schon die ganze Zeit fühlt. Erlaubnisgebende, verurteilungsfreie Räume, in der Menschen sie selbst sein oder werden dürfen. Sehr heilsam und im Idealfall dekonditionierend.

Wenn er oder sie an der eigenen Vertrauenswürdigkeit arbeitet, können andere Menschen ihn oder sie zudem als externen präzisen Fühlkörper nützen.

Damit wird es eine sinnvolle Gabe. Zum Beispiel.

Oder er oder sie könnte großartige Kunst machen und so die intensiven Empfindungen sublim kanalisieren.

Wer das „benutzt“ als Freibrief, um die Umgebung zu kontrollieren, hat die Chance verpasst, wahrhaftig damit zu arbeiten. Das gilt aber meines Erachtens für alle „Ich bin eben so“ – Erklärungen. Ich bin eben „widersprüchlich, narzisstisch, bedürftig, süchtig“ usf..

Ich denke, das menschliche Leben entfaltet sich im Ringen zwischen Innenleben und der Umgebungswelt, das kann glücken oder nicht. Und in diesem Zusammenhang finde ich die Frage wichtig: „Welcher Mensch möchte ich sein, meine Grundausstattung, Lasten und Sehnsüchte berücksichtigend?“.

Wer die Umgebung zwingt, ständig auf Zehenspitzen zu gehen, wird sicherlich zum emotionalen Tyrannen, ohne Frage.

Dann gibt es noch eine kleine Falle für Hochsensible, nämlich die Fühlfähigkeit zu nutzen, um vorauszuspüren, wo das nächste Problem oder die nächste Gefahr herkommt, um „vorbereitet zu sein“, da ja das potentielle Erschrecken aus Erfahrung grösser ist. Das löst einen Teufelskreis aus, denn so bleibt die Aufmerksamkeit hübsch beim potentiellen Erschrecken.

Zum Thema Absonderung oder Besonders sein: Also von der Tendenz sind in meiner Wahrnehmung Hochsensible zwangsläufig und Empathen aus Neigung und Interesse in hohem Maße verbunden und der innere Rückzug hat oft eher damit zu tun, den Prozessor zu kühlen, zu unpluggen und wieder „den eigenen Ton zu hören“. Bewunderung und Verachtung, also wenn sich ein Gegenüber drunter oder drüber stellt, ist ja eigentlich Trennung. Und ein HS und/oder Extrem-Empath fühlt fast alles wie sich selbst und nimmt daher eher keine künstliche Trennung vor. Verbindung geht ja nur unter „Gleichrangigen“. Die HSes, die ich kenne, sind sich dessen eher bewußt.“

Bildnachweis: Spiegel Online
__

Bitte unterstützen Sie unter diesem Link die Familienschutz- / Kinderrechtsinitiative „Gleichmaß e. V.“. Vielen herzlichen Dank!
Advertisements
 

Schlagwörter:

8 Antworten zu “„Überempfindlichkeit, Hochsensibilität und Empathie“

  1. Heidrun Regina

    Juni 20, 2015 at 3:42 pm

    Sehr detailliere Psychostudie mit Appell an Verständnis und Mitgefühl. Danke, ich kann mich darin wahrnehmen und mich besser mit meiner Gabe als Hochsensible achten. Wortgewaltige Innenschau, die leise Nuancen ans Licht bringt… Anders SEIN wird zum Geschenk!

    Gefällt 1 Person

     
    • Tristan Rosenkranz

      Juni 20, 2015 at 3:43 pm

      Danke. Und ja, es kann ein sehr wertvolles Geschenk sein, wenn man weiß wie man es an sich zu nehmen hat und lieben kann.

      Gefällt mir

       
  2. Silbia

    November 27, 2015 at 8:05 pm

    Gelesen und tief nachempfunden! Diese Unterscheidung kannte ich so noch nicht, ist aber einleuchtend. Das „SelbstVerständnis“ ist so wichtig!

    Danke, dass du die Funktion „Ähnliche Artikel“ an hast, so wurde ich aufmerksam.

    Liebe Grüße,
    Silbia

    Gefällt 1 Person

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: