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Melancholie

11 Mrz

Melancholie

„An ausgefransten Leichtwolken herab zärtelt zerfaserndes Sonnenlicht über Mutter Erde´s wunde Haut. Kühl atmet die Nacht heran, der Stadtpuls gerät ins Rasen, Rastern, Rasten.
Lichter verlöschen und Geister, mancheiner verliert den Boden unter den Füßen, strudelt herum im Gemäuer stumpf gierender Fragen um Haben und Sein.
Ein Mann liegt am Gestein, versiffte Kleidung, speckiger Kragen, filziger Bart, glasiger Blick ins Nichts. Ich rede ihn an, verliere meinen Standpunkt, höre ihn murmeln von Wanderheiligen, Unberührbaren, Kleingeld für einen Schuß Schnaps.
Ich ziehe ihn hoch, greife ihn unter, kehre ein mit ihm in eine dieser Spelunken, welche selbst Schaben meiden. Wir trinken Schnaps, brennen muß der Rachen, zu betäuben Narbengut und Einsamkeit. Intellekt wie Rinnstein schmutzig, verborgen unter tiefem Fall und schwerer Sucht. Und doch so offen hier, so ignorant gegen jede störrische Regel, jede Mauer, jede Stufe gesellschaftlichen Schockfrosts.


Ich spüre die Glut der Melancholie in meinem Herzen, verabschiede mich mit Geld für weitere Drinks, schweife aus.
Der Bordstein schwankt, der Notarzt prescht durchs Viertel, irgendwo gab´s Blut, Überdosis, Herzstillstand. Wer weiß das schon.
Die Stadt atmet ruhiger. Manchmal noch ein ferne ratternder Zug, eine ins Kurvenbett fräsende Straßenbahn, balkanisch singendes Benzgestühl. Teenies, völlig dicht, sich ans Leben heranproduzierend. Ein Paar auf harter Holzbank, ihren Körpern Nähe gebend.
Ich lasse mich nieder in einer der letzten Brachen, jene gräsernen Niemandslande, überzogen von Müll, Gestrüpp, spielenden Kindern manchmal, Flaschenscherben. Hocke auf einer Tonne, begrinse die Tauben, die all diese Fortschrittsbauten zuscheißen. Wie eine Lüge schmutzig, nur sichtbar.
Ein letzter dürrer Weihnachtsbaum, aus dem Leben geschnitten, aus dem Wagen geworfen, endend hier im kopulierenden, implodierenden Bauboom.
Die Stadt hat sich verändert, Wohlstandsinvestitionen haben sie aufgeschnitten, veredelt, standardisiert. Der Dunst der Unterschicht quillt in Nischen sich aus, auf Hinterhöfen, im Zwielicht der Dunkelheit.

Oben und vorn ist alles sauber, selbst ich bin teils geblendet, zücke meine Kamera, bestaune diese Show. Mit dem Gedeihen des Fortschritts wuchert der Missbrauch der Rezeptoren, das Vermeidungsverhalten. Verbindungselement der Schichten, Rassen, Generationen. Vom billigsten Wein zum teuersten Schnee.
Wir sind Bürger, entmündigt zwar, dennoch stolz, voller Bestätigung und wachsender Ahnung, was es bedeutet, Teil zu sein, Privileg zu genießen. Wir lechzen nach Glanz, woher er auch kommen mag. Mitunter reicht blödes Flimmern, Abklatsch, schöner Schein.
Ich schalte ab, weiß nichts mehr, verstopft vom Irregulären.
Ratten rascheln durchs Unkraut, eine Krähe spreizt ihre Flügel. Indianische Seele? Nein, zu gierig das Krächzen.
Müde bin ich, meinem Bett entgegen verschwindet der Asphalt unter meinen Sohlen. Magnolien im Mondschein, der Sproß von Löwenzahn aus Kellerritzen.
Aufgeschrecktes Kleingeflügel spult flirrenden Schimpf auf meine Zirbeldrüse hinab. Traurig alte Häuser säuseln mir Legenden ins Gemüt. Meiner Seele entfährt tränenfeucht ein Schmunzeln, so selten und schön.“

Erschienen in „Insomnia„.

Bildnachweis: Katrin Hetzel
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